„Schleich Dich, Du Hass!“

Ich hab mir immer mantraartig eingeredet, dass so etwas Unbegreifliches wie am 2.11.20 niemals in Österreich passieren würde. Jetzt ist es leider auch bei uns geschehen. Und der Wiener, den es in Wirklichkeit so gar nicht gibt, weil wir eigentlich alle “Zuagraste” dieser wunderschönen Stadt sind, zeigt (s)eine authentisch trotzige Reaktion. Eine zutiefst menschliche und eine herzerfrischend ehrliche. Eine, die mir ein leichtes Lächeln in dieser eigenartigen Zeit auf die Lippen zaubert. Während einer absoluten Notlage brüllt der Wiener aus dem geöffneten Fenster. Nein, er vernadert diesmal keinen Falschparker und beschimpft auch keinen Hund der sein Trümmerl liegen lässt. Sondern, er schreit einen Attentäter an, dass sich er sich aus Wien schleichen soll. Eigentlich sollte sich der Hass aus Wien schleichen!

Weg aus dem Wien der alten Kirchen, der prachtvollen Synagogen, der belebten Moscheen, der bunten Märkte, der imposanten Staatsoper und der erholsamen Parks.

Hinaus dem Wien mitsamt seinen Prachtbauten am Ring, dem geschichtsträchtigen Belvedere, dem kaiserlichen Schloss Schönbrunn samt Zoo, der alten und der neuen Donau, dem süßen Mädl aus der Vorstadt, dem Mythos von Sisi und Franzl, der ewiglangen Donauinsel, dem Arbeiterstrandbad, dem böhmischen- und dem Wurstelprater mit seinen unbändigen Strizzis, dem Burgtheater, der Josefstadt und dem Simpl.

Hinfort aus dem Wien der mürrischen Parksheriffs, der grünen Lobau mitsamt piesackenden Gelsen, der immer überlasteten Tangente mit zähem Morgen- und Abendverkehr, der immer fleißigen MA 48er, der unvergleichlich gemütlichen Heurigen und der Reblaus. Aus dem Wien von Nestroy, Grillparzer, Raimund, Mozart, Beethoven, Schubert, Mahler und dem Wien der Moslems, der Juden, der Christen, der Buddhisten, der Veganer, der Proleten und der Würstel- und Kebapstandler.

Raus aus dem Wien mit Gürtel, den Roten, KHM und NHM, den Türkisen, den Schwarzen, den Pinken, den Grünen, dem alten Dürer Hasen, der Schweizerhaus Stelze samt Budweiser Bier, dem Hawelka mitsamt dem Nackerten, dem Theater am Alsergrund mit all seinen Nachwuchskünstlern, dem Hauptbahnhof, dem gemischten Satz und dem ewig grantelnden Hans Moser.

Fort aus dem Wien mit den ewig chicen Bobos am Kutschkermarkt, den unwiderstehlichen Gerüchen am Naschmarkt, der ständig überfüllten U6, dem ewiglangen Karl Marx Hof, dem genialen Hundertwasserhaus, den saftigen Golatschen, dem fabulösen Tafelspitz mit Schnittlauchsauce, der ewigjungen Eden Bar, dem goldenen Schani Strauß im Stadtpark, dem jüdischen Viertel, der lebendigen Lesben und Schwulen Community, den perfekten Wiener Philharmonikern, dem geschichtsträchtigen Heldenplatz und seinem goldenen Wiener Herz.

Der Franzose sagt edel und fein: “Je suis Charlie!” Die wienerische Antwort sollte lauten: “Schleich Dich, Du Hass!”

ps. sollte ich etwas vergessen haben. Meine persönliche Wien Liste ist unendlich erweiterbar.