Das erste Mal. Und das am Spielplatz.

Es geschah vor acht Jahren. Ich kann mich noch gut erinnern, als ob es gestern gewesen wäre. Mein Kalender erinnert mich jährlich daran, dass es just an diesem Tag zum allerersten Mal geschah.
Ich war mit meiner damals zweijährigen Tochter am nahegelegenen Spielplatz. Sie musste auf jedes Spielgerät kraxeln. Ich untertreibe nicht. Wirklich auf jedes. Auch auf die Gerüste, die ihr noch viel zu groß waren. Das war ihr vollkommen egal. Sie musste unbedingt hinauf. Kein Turm war ihr zu hoch, keine Rutsche zu steil, keine Sandkiste zu tief.
Und ich? Ich durfte überall dabei sein. Ich war ihr Netz bei ihrem Trapezakt, ihr Wasserträger beim Gatschen, ihr Helikopter Papa ohne Helikopter.
Doch der große Höhepunkt war stets der riesige Kletterturm mit extra halsbrecherischer, geschlossener Ringelrutsche die in Serpentinen talabwärts jagte. Diesen Turm sind wir stets gemeinsam nach oben gekraxelt. Oben angekommen habe ich, als übervorsorglicher Super-Vater ihren Rutschenplatz vor den älteren, wilderen Kindern verteidigt. Sie war ja gerade erst ein Krippenkind. Ich wollte natürlich auch nicht, dass sie irgendwelche Unwörter aufschnappt, die nicht altersadäquat für sie sind. Anschließend habe ich sie auf die Rutsche gesetzt und sagte zu ihr: „Warte, bis ich unten bin!“ Dann bin ich, so schnell ich konnte, wieder hinuntergekraxelt und rief: „Geeeht! Und bitte nicht zu schnell Schatzi!“ Und dann ist sie sehr schnell und fröhlich kreischend hinuntergerutscht.
Diese Rutschpartien mussten wir bis zum Sonnenuntergang wiederholen. Sie kletterte vor, ich ihr, so gut ich irgendwie konnte, nach. Ja, es war lustig. Sehr sogar. Und ja, der Kletterturm steht heute noch.
Häufig kam ihrerseits die Aufforderung:
„Papi komm. Tutschen!“
Nur gerutscht bin ich nie. Die Gefahr des Steckenbleibens in der dreifach gewundenen Röhre erschien mir zu hoch, der Gedanke zu peinlich. Ich bevorzugte das Hinaufklettern und noch schnelleren Hinunterklettern. Wir hatten einen Riesenspaß.
Auf einmal entdeckte sie, dass ihre Hose durchs Klettern einen großen Riss abbekommen hatte. Sie musste sich über das Loch in der Lieblingshose sehr ärgern.
Meine zweijährige Tochter schaute sich das Loch in der Hose an und sagte trocken:
„Seisse.“
Ich war fassungslos dieses „S-Wort“ das allererste Mal aus ihrem Mund zu hören. Ich wollte es nicht wahrhaben und wünschte mir den Gatsch vom töchterlichen Sandkübel in meinen Ohren. Sollte ich dieses Wort überhören? Oder einfach nicht hinhören? Meine Gedanken wurden jäh und laut unterbrochen.
„Seise. SEISSSSÄÄÄÄÄH!“
Woher hat sie das? Von mir sicher nicht! Auch nicht von meiner geliebten Geliebten. Aber ich stellte fest, dass sie natürlich recht hatte.
„SCHSCHSCHSCHSCHööööön blöd!“ stammelte ich unbeholfen.
Nun sind doch einige Jahre vergangen. Die löchrige Hose ist inzwischen zu klein, meinen Helikopter habe ich geparkt und der Wortschatz meiner Tochter hat sich um ein „ch“ erweitert. Sie sagt jetzt Schule.